Deutscher Gewerkschaftsbund

24.04.2012
Eurokrise

Faule Griechen, korrupte Italiener und chaotische Portugiesen?

Warum wir nicht alles glauben sollten, was in der Bild Zeitung steht?

Faule Griechen, korrupte Italiener und chaotische Portugiesen?
Warum wir nicht alles glauben sollten, was in der Bild Zeitung steht?

Text: Lennard Aldag, Orhan Sat und Matthias Richter-Steinke

Nach der „Immobilienkrise“ 2008 haben wir nun die „Eurokrise“. Länder wie Griechenland, Italien, Portugal oder Spanien stehen vor dem Staatsbankrott. Ein „Rettungsschirm“ jagt den nächsten, ein „Sparpaket“ folgt dem anderen. Dabei werden die Steuergelder von Millionen europäischer Bürgerinnen und Bürger – wie schon 2009 zur Rettung der Banken – eingesetzt. Geld, das an allen Ecken und Enden für Soziales, Bildung und sinnvolle Investitionen fehlt.
Doch wer hat Schuld an der Misere? Wer klaut uns unser hart erarbeitetes Geld?
Laut „Bild Zeitung“, Frau Merkel und Herrn Sarkozy sind es die faulen, korrupten und arbeitsscheuen Griechen, Italiener, Spanier und Portugiesen. Und zwar alle! Die haben nämlich jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt. Da ist die Rede von „griechischen Luxusrenten“ (Bild), massig Urlaub und Faulenzerei, deren Folgen nun deutsche ArbeitnehmerInnen mit ihrem Steuergeld bezahlen müssten (Merkel).
So einfach und doch so falsch!
Denn die Fakten sprechen eine andere Sprache - Regierungen und Boulevardpresse verbreiten blanken Populismus.
Von wegen „Luxusrenten“: Griechische ArbeitnehmerInnen gehen im Schnitt mit 61,9 Jahren in Rente – deutsche mit 61,5. Mehr als zwei Drittel von ihnen bekommen weniger als 600 Euro Rente. Nach „Luxusrente“ hört sich das nicht gerade an.
Auch die EU-Agentur Eurofound straft die Kanzlerin Lügen: So liegen die durchschnittlichen Urlaubsansprüche der ArbeitnehmerInnen in Griechenland bei 23 Tagen und in Deutschland bei 30 Tagen. Arbeitet der Durchschnittseuropäer laut europäischer Statistikbehörde Eurostat 41,7 Stunden in der Woche und Deutsche 41 Stunden, so arbeiten die „faulen“ Griechen sogar 44,3 Stunden.
Wenn zu alledem laut Eurostat auch noch 2010 jeder zweite Grieche von Armut bedroht war, kann von Saus und Braus keine Rede sein.

Doch warum belügen uns unsere europäischen Regierungen?
Wahrscheinlich, um von der eigenen, völlig verfehlten Politik abzulenken. Denn, wenn nicht die griechischen Kolleginnen und Kollegen den Staat „in Saus und Braus“ geplündert haben, muss die ganze Misere ja eine andere Ursache haben. Ein Schelm, wer dabei an die „Immobilienkrise“ und die völlig unkontrollierten Finanzmärkte denkt. Was wurde aus den Versprechungen von Regulierung und Kontrolle? Nichts! Und jetzt darf fröhlich weiter spekuliert werden. Nur diesmal gegen ganze Staaten und mit freundlicher Hilfe sogenannter „Ratingagenturen“. Gleichzeitig dürfte auch der „Exportweltmeister“ Deutschland seinen Teil dazu beigetragen haben. Denn wenn einer massenhaft exportiert, müssen ja andere importieren. Und das haben die Europäer auch kräftig getan, weil die Produkte so schön billig waren, denn Arbeit in Deutschland ist seit Jahren immer billiger geworden. Und die Reaktion auf diese offensichtlichen Fehlentwicklungen? Statt Regulierung der Finanzmärkte bekommen jetzt alle Europäer Schuldenbremse und Agenda 2010. Und die griechische Wirtschaft wird durch ein Sparpaket nach dem Anderen endgültig zerstört – die Arbeitslosigkeit steigt auf über 20 %, die Wirtschaft schrumpft um 7%. Hauptsache die Zinseinnahmen der großen europäischen Privatbanken stimmen (zu deren steuerflüchtigen Anlegern auch wohlhabende Griechen gehören).

Was wir brauchen, ist daher die Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen in Europa und ein Ende dieser falschen und neoliberalen Politik, die Jobs und Existenzen vernichtet!

Wir brauchen eine Regulierung der Finanzmärkte und eine gerechte Steuerpolitik, die Reiche und Superreiche einbezieht.

Doch vor allem brauchen wir ein europäisches Konjunkturprogramm und die Stärkung der Binnenwirtschaft der europäischen Länder durch faire Löhne und gute Arbei!

 

DGB Rentenkampagne

Reichtumsuhr

von: DGB
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